Equipment-Philosophie, part 1a: der Fotokoffer

Ja, ja: das Bild macht der Fotograf – und nicht die Technik. Idee, Emotion, Licht – das ist entscheidend. Equipment spielt doch heute kaum noch eine Rolle!

Oder? Geben wir es doch zu: in uns Fotografen steckt immer auch ein kleiner Technik-Narr. Und ab und zu macht es so richtig Spaß, sich in technischen Fragen zu suhlen, in Problemlösungen zu aalen und Spaß an neuen high-tech-Spielzeugen zu zelebrieren. Das habe ich in der Vergangenheit ja immer wieder auch mal getan, z.B. hier.
Oder hier.

Das ist jetzt schon ein Weilchen her, und natürlich haben sich die Dinge inzwischen zum Teil erheblich geändert. Denn das, was sich in den Fototaschen eines Fotografen so aufhält, ist dort ja aus einem guten Grund: es spiegelt exakt die Arbeitsweise, den Workflow und die Organisation eines Fotografen wieder. Vielleicht könnte man sogar sagen: „Zeig‘ mir Deine Tasche, und ich sage Dir, was für ein Fotograf Du bist!“ Die Arbeitsweise eines Fotografen ist im ständigen Fluss. Daher werde ich auf die wahrlich weltbewegende Frage „What’s in my bag“ nicht einfach aufzählen, welche Kameras und Objektive ich benutze, sondern wesentlich umfassender all das darstellen, womit ich arbeite, welche Tools und kleinen Helferlein ich mit mir herumschleppe, warum ich das tue, wo ich was verstaue und wie ich es einsetze. Und darin liegt letztlich auch die Berechtigung für so einen Beitrag: der geneigte Leser kann sich vielleicht etwas abschauen, kommt auf neue Ideen und kann seine eigene Arbeitsweise möglicherweise weiter entwickeln.

Der Fotokoffer
Die Frage, was in meinem „bag“ denn so drin ist, ist dabei ziemlich unpräzise (oder  unzureichend) formuliert. Wenn ich zu Aufträgen fahre, führe ich mehr als eine Tasche mit mir. Aber heute soll es erst mal um den Fotokoffer gehen, das Herzstück des Ganzen. Und ja: die Serie wird fortgesetzt…. 🙂

Mein Fotokoffer auf dem Operationstisch

Bei allem, was man ernsthaft tut, solle man eine Philosophie haben. Das gilt sogar für Fotokoffer! Meine Fotokoffer-Philosophie lautet wie folgt:

Der Fotokoffer enthält alles, was zur erfolgreichen Durchführung einer Fotoproduktion erforderlich ist.

Notfalls reicht wirklich diese eine Tasche! Und: sie ist immer gepackt, hat immer ausreichend geladene Akkus an Bord und ist jederzeit einsatzbereit.
Zugegebenermaßen: es würde sehr helfen, zusätzlich zum Koffer noch ein oder zwei Leuchtenstative und vielleicht einen Aufheller dabei zu haben…. Aber der Grundsatz gilt: der Koffer ist Produktionsmittel Nr. 1.

Dass es ein Koffer ist, ist übrigens ziemlich neu bei mir. Jahrelang habe ich mit einer sehr großen Lowepro-Tasche gearbeitet. Aber obwohl man da wirklich erstaunlich viel rein kriegt, mussten manche existentiell wichtigen Dinge doch auf andere Taschen verteilt werden. Ausschlaggebend für die Änderung war also meine neu formulierte Philosophie – und auch die Gewichtsfrage. Denn Belastungen jenseits der 12-15 kg machen keinen Spaß mehr, wenn man sie per Schultergurt wuppen muss. Die Folge: heute bringt der Koffer vollständig gepackt jenseits der 20kg auf die Waage – dafür hat er aber diese beiden genialen runden Dinger unten dran, man kann die Kilos rollen, zumindest auf halbwegs ebenem Grund!

Rein ins Vergnügen!
Jetzt geht’s aber endlich um die Inhalte, und da wollen wir doch mal einen ganz genauen Blick in den Koffer werfen:

What's in the bag?

Auch hier gilt: das Wesentliche zuerst. Ist der Koffer aufgeklappt, sind alle essentiellen Grätschaften direkt im Zugriff: Meine Hauptkamera unten (Canon 1Ds III) mit angesetzem 24-70/2.8; dann die Zweit- oder Ersatzkamera oben rechts (1Ds II oder 1D III, je nachdem). Dazu die beiden Zooms 16-35/2.8 und 70-200/2.8 von Canon. Damit haben wir die Fächer auf der rechten Seite schon weitgehend abgedeckt, es fehlt nur noch das 24/3.5 TS-E, das ich immer dabei habe, sowie ein 1,4x Kenko-Konverter, den ich (sehr) gelegentlich einsetze. Ich besitze auch noch ein paar Festbrennweiten, u.a. ein 50mm (das ich fast nie benutze) und ein 100mm/2.0, das ich gerne für Portraitsessions nutze, weil mir das Zoom dafür zu schwer ist. Die haben aber keinen festen Platz, sondern werden irgendwie dazugepackt, wenn ich sie mitnehmen will. Im Moment spielt aber auch das keine Rolle, denn unsere Auszubildende hat sie in ihrer Tasche gebunkert und nutzt sie für ihre eigenen Projekte. So sind sie bei Produktionen meist sowieso dabei.

Übrigens lege ich Wert darauf, dass meine Hauptkamera immer mit einem unviersellen Zoom „geladen“ im Koffer liegt. Nicht selten kommt es vor, dass der Kunde fünf Sekunden nach Eintreffen vor Ort ein erstes Bild erwartet. Oder gerade der Helikopter landet. Oder für ein paar Sekunden eine phantastische Lichtstimmung herrscht. Dann hilft der schnelle Zugriff auf ein einsatzbereites System.

Warum Canon?
Warum Canon und warum diese Objektive? Dazu gibt es eigentlich nicht viel zu sagen, außer dass Canon deshalb meine Marke wurde, weil die Produkte dieser Firma zum Zeitpunkt meines persönlichen Digitalumstiegs technisch einfach vorne waren und ich bis heute keinen Grund sehe, diese Entscheidung zu revidieren. Ich nutze meist die 1er Modelle der vorletzten oder auch mal der vorvorletzten Generation: sie sind gut, sie sind nicht so schw….teuer wie die aktuellen und sie bieten robuste Qualität und ordentlich was in der Hand zum Anpacken: so mag ich es bei kommerziellen Produktionen. Und was die Objektive angeht: für meine Fotografie sind sie qualitativ sehr gut, praktisch, lichtstark und sehr flexibel einzusetzen. Das finde ich prima so. Und das TS-E eignet sich ausgezeichnet für straighte Architekturaufnahmen von Industriehallen und Produktionsanlagen.

Noch etwas Philosophisches: Der Koffer ist so gegliedert, dass in jedem Fach etwas drin sein muss! So kann ich auf einen Blick sehen, ob etwas fehlt und ggf. den Koffer schnell komplettieren. Der aufmerksame Leser hat’s schon gemerkt: Im Foto ist das nicht so, oben links, gleich neben der Zweit-Canon, ist ein leeres Fach. Nun, da ist normalerweise meine Fujifilm X-100 drin, die ich immer dabei habe – für private Notizen, Bilder am Rande oder für Spaßfotos mit Kunden und Kollegen. Aber jetzt brauchte ich sie, um ein Bild vom Koffer zu machen….

Licht
Ohne Kamera kein Bild und ohne Licht auch nicht. Daher ist auch ein bißchen künstliche Sonne an Bord: Drei Handblitze von Canon ermöglichen Erstaunliches. Das gilt auch dann, wenn im Bild nur zwei zu sehen sind! Ihr ahnt sicherlich, warum: den Dritten hat sich unsere Azubine leihweise unter den Nagel gerissen…. 🙂

Die Systemblitze nutze ich entweder als Ergänzung zur großen Blitzanlage – immer häufiger aber auch als ganz normale Lichtquelle. Sie sind erstaunlich leistungsfähig und bieten mindestens in Innenraumsituationen mehr als genug Licht, um attraktive, dramatische und spannend ausgeleuchtete Szenen zu fotografieren. Und seit es von Pocket Wizard Funktechnik-basierte-TTL-Auslösung gibt (sprich: der TT5) sind auch drei dieser Geräte mit im Koffer. Damit kann man vor allem dann hochflexibel und effektiv arbeiten, wenn man alleine vor Ort ist und nicht dauernd durch die Gegend rennen will, um die Blitze hoch- oder runterzuregeln. Ich bin sehr zufrieden mit diesen Geräten, sie bieten eine neue Freiheit und Sicherheit beim Blitzen, die es in dieser Form vorher nicht gab. Die TT5s liegen in den schmalen Fächern links oben. Unter einem dieser Auslöser befindet sich auch noch die Technik von gestern, das sogenannte „Infrarot“-Steuergerät Speedlite Transmitter ST E2. Denn kann man sogar mit den Funksystemen verheiraten und parallel dazunutzen. Oder ich verwende ihn, wie in diesem Beitrag beschrieben:

Arbeiten wir jedoch zu Zweit oder gar zu Dritt, kann man natürlich auch die „richtige“ Blitzanlage nutzen (hierzu wird es noch einen eigenen Artikel geben!) und manuell auslösen: dafür sind die vier Pocket Wizards Plus II zuständig, die bei Bedarf die TT5s ergänzen, dann aber im manuellen Modus. Ich fand es sinnvoll, alle Sender/Empfänger in den Fotokoffer zu packen und nicht in den Blitzkoffer, denn den Fotokoffer habe ich immer dabei. Den anderen nicht.
Bei den Plus II erweist es sich übrigens als sehr vorteilhaft, dass der Koffer relativ „tief“ baut. Das bedeutet, dass die flexiblen Antennen beim Zuklappen nicht gebogen werden, was – wie ich jüngst erfahren habe – wohl eine Achillesferse bei den Geräten ist. Und in der Tat ist es so, dass zwei von den vier Geräten wesentlich schlechtere Leistung zeigen als die anderen beiden. Der Fehler trat auf, als ich die Empfänger noch ganz anders verstaut und transportiert habe… Demnächst lasse ich von den Profoto-Technikern überprüfen, ob es wirklich an intern gebrochenen Kabeln in der Antenne liegt.

Und damit kommen wir auch schon zur oberen linken Ecke: dort gibt es den „Nachbrenner“ für Blitzgeräte, das Canon Compact Battery Pack CP-E3. Habe nur einen davon und setze ihn ggf. für das Handblitzgerät ein, das am meisten leisten muss.

Lebensretter
Und jetzt kommen wir zu einem ganz essentiellen Teil, dem Alleskönner unter den Werkzeugen, Lebensretter, Freund und Helfer: mein Victorinox Multitool. Dieses smarte und hochwertige Teil begleitet mich, seitdem ich mich als Fotograf selbständig gemacht habe. Und hat schon oft Dinge ermöglicht, die einfach sein mussten: durchschneiden, durchsägen, festschrauben, schnippeln, Schrauben lösen, Drähte kappen, Verschlüsse öffnen, Metall feilen, Fingernägel reinigen usw. usf. Location im Koffer: oben rechts neben dem Battery Pack. Das Werkzeug muss immer dabei sein, ich fühle mich richtig unwohl, wenn ich es nicht in meiner Nähe weiß.

Zum Abschluss fehlen nur noch die beiden Fächer in der Mitte. Im oberen befinden sich zwei Knautschtaschen, in der blauen sind Akkus drin (Ersatzakku für die Kamera und Eneloop AA-Akkus für Blitzgeräte, Sender usw.). Mit der derzeitig von uns verwendeten Technik kommen wir mit diesen beiden Akkutypen aus, was das Leben sehr vereinfacht und auch ein Stück sicherer macht. In der anderen Tasche befinden sich Spigots, Kabel, Stecker, Gewindeadapter und ähnliche Kleinteile, die man rund um Befestigungs- und Blitztechnik immer wieder benötigt. Und oben drauf klemmt ein Novoflex Hochformatwinkel das Ganze fest. Den Winkel nutze ich, wenn ich Aufnahmen vom Stativ mache. Für die angeschrägte Ecke ist der Metallbauer meines Vertrauens verantwortlich, er hat den Winkel etwas gekürzt und schön weich abgeschliffen. Dann stört er nicht so beim Auslösen im Hochformat.

Im unteren Fach ist eine Rolle Gaffer-Tape. Schlicht unverzichtbar.

Sicherheit
Noch ein Aspekt zum Thema Sicherheit: Wenn ich Akkus lade oder Speicherkarten auslese, entsteht ein potentielles Sicherheitsrisiko: nämlich, dass man vergisst, sie auch wieder in die Geräte zurückzulegen. Ich versuche das zu verhindern, indem ich die entsprechenden Geräte offen in den Koffer lege (geöffnetes Akkufach, geöffnetes Kartenfach, das ganze gut sichtbar oben drauf).

Leere Kartenslots und und Akkufächer sind peinlich, wenn man damit beim Kunden aufschlägt. Also Vorsicht!

Und so bleiben die Sachen auch, bis ich meine Arbeit beendet habe und die Dinge wieder da sind, wo sie auch hingehören. Bei Karten arbeite ich grundsätzlich nicht mit mehreren Speicherkarten, sondern immer nur mit einer. Das Risiko eines Datenverlustes bei einer bewährten 16 GB Karte erscheint mir geringer als im lustigen Wechsel von mehreren CF-Karten womöglich mal eine zu vergessen oder zu überspielen.

 

War’s das nun? Nein, denn ein kleines Geheimnis steht noch aus: Unter dem „langen Rohr“ liegen noch zwei Kunststoffklammern, um Papierrollen zu fixieren oder Sakkos von CEO’s zu beschweren, je nachdem, was einem der Tag so beschert.

Wer nun glaubt, er hätte es geschafft, der irrt: so ein Fotokoffer hat ja auch noch einen Deckel. Und der hat massig Stauraum! Den beschreibe ich in part 1b. Demnächst hier in diesem Theater!