Bekenntnisse eines Fujifilm X-Fotografen

Seit der Photokina 2010 bin ich X-Fotograf. Da war ich am Stand von Fujifilm und begrabbelte entzückt ein Modell der gerade vorgestellten Fujifilm X-100. Bei der funktionierte außer dem revolutionären Sucher zwar noch nichts, aber ich wusste, dass ich mir diese Kamera kaufen würde. Das habe ich rund ein halbes Jahr später auch getan. Dann kam Fujifilm mit der XE-Reihe und der Möglichkeit, Wechselobjektive zu verwenden. Ich liebte sie. Dann habe ich sie auf einem Segeltörn in die Ostsee geworfen (in trauter Gemeinsamkeit mit einem weiteren Objektiv und einem iPad). Shit happens. Eine zweite XE-1 wurde angeschafft, weitere Objektive. Und jetzt – vor wenigen Tagen erst – die XE2. Ich bin X-Photographer. Mit Leidenschaft und Liebe. Ein Bekenntnis und eine Einladung.

Rückblende. Ich erinnere mich genau an meine ersten drei Fotos, mit denen ich zum ersten Mal mein Lebens- und Wahrnehmungsgefühl ausgedrückt habe: ein perspektivisches Foto von einem Bahngleis im Winter. Ein langer Schatten von mir selbst auf verschneitem Feld mit Spuren im Schnee – und ein Düsenflugzeug mit langen Kondensstreifen vor einem stahlblauen Himmel. Da war ich 16 Jahre alt, und es waren Bilder, wie sie auf dem Cover des Doppelalbums „A nice pair“ von Pink Floyd hätten erscheinen müssen, wenn sie viel früher entstanden und viel besser gewesen wären. Es die Geburtsstunde von einer bis heute lebenslangen Leidenschaft für das Bildermachen. Diese Bilder fotografierte ich mit der 35mm Yashica-Sucherkamera meines Vaters auf Kodachrome Diafilm. Schau einer an.

Zeitsprung. Wir schreiben das Jahr 2010. Die fotografische Welt ist digital geworden. Leistungsfähige digitale Spiegelreflexkameras dominieren das Geschehen, flankiert von überflüssigen digitalen Kompaktkameras. Ich bin in meinem fünften Jahr als Berufsfotograf. Ich fotografiere mit Canon, überwiegend Corporate-Produktionen, B-to-B. Ein erstes großes Projekt in der Industriefotografie ist realisiert. Zusammen mit meiner Kollegin fassen wir Fuß in der Welt der Technologie, der Arbeit und der Produktion. Natürlich haben wir das passende Equipment dafür. Natürlich die dicken Bodies und die voluminösen Objektive. Und alles, was das unsere Zeit an notwendiger Technik so zu bieten hat. Wir sind heiß auf die Erschließung unserer Märkte und lieben unser dickes, fettes, starkes und leistungsfähiges Equipment.

Aber da ist auch noch der Schüler in mir lebendig, der seine ersten ernst zu nehmenden Bilder mit einer Yashica 35 fotografiert hat und dessen Oberstufen- und Studentenzeit von einer Minolta XD-7 begleitet war. Der damit sein Lebensgefühl ausgedrückt und die Welt um sich herum erkundet hat. Und der neben der beruflichen Arbeit immer auch wieder den freien Ausdruck sucht. Der auch in seiner freien Zeit, auf Reisen und im Privaten Bilder machen will. Und der keine Lust mehr hat, dafür eine monströse Canon und dicke Zooms zu benutzen. Aber eigentlich auch keine Kompaktkamera mit ihren hinlänglich bekannten Einschränkungen.

Das Erscheinen der Fujifilm X-Serie veränderte die Welt: trotz handlichen Formats keine Schwächen mehr in der Bildqualität. Schöne Festbrennweiten. Lichtstark. Großer Sensor. Und von einer betörenden Gestaltung, als wenn die Kameras aus der Hochzeit der analogen Fotografie in die Gegenwart übersetzt worden wären. Hinreißend.

Mit Wechseloptiken. Und dann setzte Fujfilm noch einen drauf. Die Fujifilm XE-1 sah praktisch genauso aus wie die X100, aber sie hatte die Möglichkeit, die Optiken zu wechseln. Und Fujifilm brachte in schöner Regelmäßigkeit handliche, smarte und intelligent abgestimmte Objektive auf den Markt. Und nicht wie die (erwachenden) Mitbewerber lauter unpassende Konsumer-Zooms, sondern überwiegend wunderbare kleine, feine, lichtstarke Festbrennweiten. Es war, als ob die Geschicke dieses Unternehmens von einem Fotografen geleitet würden, der seinen Cartier-Bresson verinnerlicht hat und für den Magnum kein Fremdwort ist. Fujifilm brachte eine Roadmap. Und was erstaunlich ist: sie hielten sich daran. Nicht immer genau in time, aber trotzdem zuverlässig. Das sind wir Fotografen von unseren Herstellern nicht gewohnt. Fujifilm lieferte hier eine blitzsaubere Vorstellung, weit jenseits von kurzfristigen Versprechungen und atemlosen Strategiewechseln. Daran änderten auch die verschiedenen technischen Probleme bei einigen Kameramodellen nichts, zumal sich der Hersteller um eine zügige und kulante Abwicklung kümmerte.

Exkurs. Wozu eigentlich eine eigene Kamera für das freie Fotografieren?Rein technisch kann man das beruflich genutzte Equipment natürlich auch für das freie Fotografieren nutzen. Am Anfang habe ich das auch getan und aufopferungsvoll 70-200mm Objektive durch Griechenland geschleppt. 2.8er natürlich. Aber das hört irgendwann auf, nicht nur, weil Volumen und Gewicht hoch ist, sondern vor allem aus einem anderen Grund: es ist einfach nicht das richtige Werkzeug.

Eine Canon 1DsIII oder 1Dx ist ein monströses Gerät, in (fast) allen technischen Belangen ganz vorne dabei. Sie ist groß. Sie ist beeindruckend. Sie ist schwer. Sie ist ein Fotografiercomputer von höchster Präzision. Sie ist ein Monster. Sie ist geschaffen worden, um Kunden zu beeindrucken. Sie ist genau richtig, wenn man bei einem Fotoprojekt in Industrie und Wirtschaft als Fotograf auftaucht und eine Aufgabe zu lösen hat. Etwas in dieser Art wird von einem Profi erwartet. Und als Nutzer solcher Kameras ist man froh und dankbar über die Zuverlässigkeit, Robustheit und Leistungsfähigkeit von diesen Dingern. Sie ist ein Sicherheitsversprechen: dem Fotografen und dem Kunden gegenüber. Sie ist „offiziell“. Niemand nimmt einem übel, dass sie groß aber auch irgendwie abschreckend aussieht. Ich schätze meine Canons. Aber ihre Seele habe ich noch nicht gefunden.

Wenn man als Fotograf auf der Suche nach den feinen Tönen ist, wenn man die Poesie des Alltags sucht, wenn man dem Geschehen auf der Straße die kleinen Geschichten abringen oder von geliebten Menschen intime Portraits machen möchte: dann ist ein monströser Fotografiecomputer nicht das richtige. Im Gegenteil, damit stört man seine Gegenüber und zerstört Ambiente und Stimmung. Der Fotograf hinter einer großen Canon oder Nikon (oder Sony usw.) wirkt bedrohlich. Im schlimmsten Fall bekommt man sogar richtige Probleme und wird von irritierten Mitmenschen gefragt, was das denn soll.

Unsichtbar. Mit einer X-Kamera in der Hand (und einem Wechselobjektiv in der Tasche) ist man als Fotograf nahezu unsichtbar. Man wirkt (schlimmstenfalls) wie ein knipsender Tourist und im besten Fall wie ein bedauernswerter Typ, der noch mit Opas Schrottknipse hantiert. Ich habe Menschen im öffentlichen Raum aus ein oder zwei Meter Entfernung fotografiert – und sie haben es nicht einmal zur Kenntnis genommen. Man erscheint genauso bedeutungslos wie irgendein Passant, der mit seinem Mobilphone herumhantiert. Das Kurzzeitgedächtnis unserer Mitmenschen filtert den Vorgang einfach aus. Nicht beachtenswert. Uninteressant. Eine ideale Voraussetzung für unbeschwertes Fotografieren und für das Festhalten besonderer Momente. In der Öffentlichkeit. Auf der Straße. Aber auch zwischen vertrauten Menschen, einfach in jedem Zusammenhang.

Verheißung des Bildermachens. „Zwei Gehäuse, drei Objektive, ein halbes Dutzend Filme in den Hosentaschen. So zogen sie los, erlebten, was sie fotografierten, und fotografierten, was sie erlebten.“ – So schreibt Freddy Langer 1989 in einem Essay über die Fotoagentur Magnum. So kann man mit den X-Kameras auch heute wieder losziehen: fotografiert man frei, braucht es sogar nur ein Gehäuse, denn die Entscheidung über Empfindlichkeit, Farbe oder Schwarz-Weiß kann man adhoc oder im Nachhinein treffen. Man braucht kein Sicherheitsnetz. Und die Filme muss man auch nicht mehr herumtragen.

„Das Leben sehen, die Welt sehen, Augenzeuge großer Ereignisse sein, die Gesichter der Armen und das Gehabe der Stolzen erblicken – Maschinen, Armeen, Menschenmassen, Schatten im Dschungel und auf der Mondoberfläche; die Werke des Menschen sehen, seine Gemälde, Bauwerke; Dinge wahrnehmen, die Tausende von Kilometern entfernt sind, hinter Mauern, in Innenräumen, an die heranzukommen gefährlich ist; Frauen, die Männer lieben, und Scharen von Kindern; sehen und am Sehen Freude haben; sehen und staunen; sehen und belehrt werden.“

Ja, das ist das dank eines aktuellen Kinofilms frisch in Erinnerung gerufene Motto der legendären Zeitschrift „Life“, dem Inbegriff für Bildreportagen und Fotostrecken. Nur eine Erinnerung an die goldene Zeit der Fotografie? Nostalgie? Hinweggeschwemmt von Fernsehen und Internet? Oder eine Mahnung an etwas, was jederzeit in den Augen und im Herzen eines Fotografen wieder entstehen kann, auch wenn es vielleicht an Medien mangelt, die solche Bilder zeigen und bezahlen wollen?

Ich glaube, letzteres ist der Fall, und die Vermittlung seiner ganz speziellen und individuellen Sicht auf die Welt mittels Fotografie hat eine lange und vielversprechende Zukunft, auch wenn sich die Medienwelt sehr gewandelt hat und mit der der 70er Jahre nicht mehr vergleichbar ist. Sensible und aufmerksame Lichtbildkünstler werden auch weiterhin die Welt erforschen, ihnen besondere Momente abringen, Sichtweisen darlegen und in Ausstellungen, Fotobüchern oder gedruckten Bildstrecken eine Öffentlichkeit finden. Das können schwere und schwierige Thmen sein. Und das können Alltagsmomente sein, wie sie einem täglich begegnen und die man von Zeit zu Zeit erhascht und später vielleicht zu einer Serie zusammensetzt. Dafür braucht man das richtige Werkzeug. Meine Leser wissen ja bereits, wofür ich mich entschieden habe. Fujifilm ist die Leica unserer Zeit.

Und Leica? Moment mal. Leica gibt es doch auch noch, und sogar Leica hat es geschafft, vor Fujfilm mit digitalen Kameras den Markt zu betreten. „Life“, „Magnum“ und die Namen der großen Fotografen sind untrennbar mit dem Namen Leica verbunden, der schnellen Reportagekamera aus dem Hause Wetzlar / Solms. Auch Leicas sind vergleichsweise klein, basieren auf dem Prinzip einer Sucherkamera und erfüllen die Reminiszenzen an die glorreiche Zeit der Fotografie in besonderer Weise. Warum habe ich also nicht viel früher eine digitale Leica erworben, um meinen Absichten und Gefühlen zu frönen?

Darauf gibt es zwei Antworten: eine naheliegende und eine entscheidende. Die naheliegende: Leica ist sehr teuer. Und die entscheidende: Leicas letzte innovative Idee stammt aus dem Jahr 1924.

Als sich Ernst Leitz II. entschied, die Kleinbildkamera Leica in Großserie zu fertigen, war das sowohl eine technische Großtat, als auch sensationell mutig. Aber dank eines überragenden Konzeptes in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit dennoch sehr erfolgreich. Die Leica reüssierte zur Reportage-Kamera schlechthin und wurde bis Ende der 60er Jahre von vielen Profis genutzt. Ab dann verschlief der Hersteller praktisch jeden Paradigmenwechsel: Die Spiegelreflextechnik, den Autofokus und die Digitalisierung. Bis heute kultiviert Leica das M-Konzept als Flaggschiff. Vor kurzem hat Leica die Leica T herausgebracht und erneut die Chance auf eine Erneuerung ausgeschlagen. Leica wird die M-Kuh melken, bis sie zusammenbricht. Vermutlich immer wieder mal auch im Louis-Vuitton-Kleid oder in paillettenbesetztes Straußenleder gekleidet. Das ist schade. Das ist rückwärtsgewandtes Altherrendenken und näher an der Vitrine als an der lebendigen Erkundung unserer Welt mit der Kamera. Leica hätte mit der T-Serie alles tun müssen, die eigene M-Reihe zu kannibalisieren, etwas Neues zu schaffen und die Zukunft zu sichern. Das wird wohl (vorerst) nicht geschehen.

Ich will gar nicht so sehr auf den Marken herumreiten. Ich freue mich, dass es Leica wieder gut geht und dass sie gute Geschäfte machen. Ich will auch gar nicht die Leistungen von Olympus, Sony oder Samsung schmälern, die eigene Konzepte für eine menschliche, handliche und liebenswerte Kameragattung entwickelt haben. Es geht mir nicht um einen Markenvergleich. Es geht mir um ein Fotografier- und Lebensgefühl. Es geht mir aber auch darum, mich beim richtigen Hersteller gut aufgehoben zu fühlen.

Das also ist mein Bekenntnis als X-Photographer. Natürlich wird sich auch hier noch viel tun, und die Wünsche – auch meine – an die Kameras aus dem Hause Fujifilm sind längst nicht alle erfüllt. Aber man kann damit etwas besonders gut tun, und das ist außerordentlich und wunderbar: man kann seine Gefühle und seine Weltwahrnehmung mit leichter Hand und mit leichtem Gepäck in Bildern ausdrücken. Das haben Fotografen seit 150 Jahren immer wieder und zum Teil unter größten Schwierigkeiten getan. Von der zentnerschweren Nass-Kollodium-Kameraausrüstung bis zur taschentauglichen Fujifilm X-Serie war es ein weiter Weg. Wir leben in einer phantastischen Zeit. Ich bin glücklich, heute Fotograf zu sein.

 

Über den Fotografen:

Ich lebe und arbeite als Berufsfotograf in Köln. Schwerpunkte sind die Themen Business, Industrie, Technologie, die Welt der Arbeit sowie Medienprojekte zum Thema Personalmarketing. Seit 2010 beitreibe ich zusammen mit der Fotografin Silvia Steinbach die Unternehmung „Ahrens+Steinbach Projekte – Zukunft fotografieren“. Im Rahmen dieser Tätigkeit entstehen bildbasierte Projekte wie Ausstellungen und Bilddatenbanken zu Zukunfts-Themen und Zukunfts-Technologien. Ahrens+Steinbach werden von der Hamburger Fotorepräsentanz „fotogloria“ international vertreten.

Freie Arbeiten veröffentliche ich auf meinem Blog Lookoutpoint.info